Wo beginnt die Geschichte des maschinellen Denkens wirklich?
Nicht mit Chatbots, sondern Jahrhunderte davor: Ein Rabbi formt aus Lehm den Golem, einen Wächter, der nicht zögert und nicht ermüdet. In Goethes Faust erschafft ein Gelehrter den Homunkulus, einen Geist ohne Körper. Mary Shelleys Frankenstein dreht den Gedanken um: Was, wenn das Geschaffene zu fühlen beginnt? Lange bevor der erste Computer rechnet, träumen Menschen davon, Leben zu erschaffen, und Denken festzuhalten, bis es sich vom Menschen löst. Aristoteles gibt dem Denken die ersten festen Regeln. Es dauert Jahrhunderte, bis daraus ein Bauplan wird.
Fünf Orte.
Fünf Teams, die nichts voneinander wissen: Berlin, England, Cambridge, Iowa, Philadelphia.
Am Ende bauen sie, fast zeitgleich, die ersten funktionierenden Rechenmaschinen. Manchmal ist es die Zeit, die eine Leistung verschweigt. Manchmal ein Urteil oder der Befehl, Baupläne zu verbrennen. Frauen, die rechnen und programmieren, ohne dass ihr Name je auf einem Patent steht. Doch am Ende ist es immer das Ergebnis vieler Beiträge, die sich nie berührt haben. Eine einzelne Erfindung war es nie. Der Computer gehört niemandem allein.
Ein Buch für alle, die wissen wollen, woher die Idee der denkenden Maschine tatsächlich kommt, bevor sie sich ein Urteil über ihre Zukunft bilden.

Buchdetails
Buchkategorie/Genre: Sachbuch
Erschienen bei: tredition GmbH
Taschenbuch
ISBN: 978-3-384-85374-5
Seitenzahl: 284
Erscheinungsdatum: 01.09.2026
Preis: 19,80 EUR
E-Book/Kindle Ausgabe
ISBN: 978-3-384-99172-0
ASIN: B0HG22NGCR
Erscheinungsdatum: 01.09.2026
Preis: 14,99 EUR
Leseprobe
Lange bevor es Maschinen gab, gab es diesen Wunsch. Den Wunsch, Leben zu erschaffen aus dem, was kein Leben hat — aus Lehm, aus Glas, aus Fleisch und Strom. Und den Wunsch, Denken festzuhalten, es weiterzugeben, es schließlich ganz vom Menschen zu lösen. Dieser Wunsch ist älter als jede Technik. Er taucht in Mythen auf, in Werkstätten, in Notizbüchern, in Träumen. Und er führt, über viele Umwege, zu den Maschinen, die wir heute kennen.
Teil I — Der Traum vom künstlichen Denken
Nur wenige Menschen kamen auf die Idee, das, wovon sie träumten, auch herzustellen. Es brauchte dafür eine bestimmte Art von Kühnheit, manchmal auch Verzweiflung.
Was uns heute so vertraut ist wie der Griff zum Smartphone, hat seinen Ursprung nicht im 20. Jahrhundert. Der Wunsch, ‚Denken‘ herzustellen, reicht über Jahrhunderte zurück. Legenden erzählen davon. In Laboratorien und Werkstätten suchen Menschen nach einer Sprache für Maschinen.
Technik wirkt zunächst nüchtern, als hätten persönliche Vorstellungen oder gesellschaftliche Werte keinen Einfluss auf sie. Doch die Geschichte widerlegt das: Jede Maschine entsteht aus den Entscheidungen von Menschen, die festlegen, welches Problem gelöst werden soll und welche Aufgaben die Maschine übernehmen darf.
Genau davon erzählt dieses Buch: von den Menschen hinter der Technik, einen nach dem anderen. Es sind Gelehrte und Erfinderinnen, deren Wege sich oft erst Jahrzehnte später kreuzen, ohne dass sie einander kennen. Was aus ihrer Arbeit entsteht, gehört deshalb keinem von ihnen allein, sondern wird erst nach und nach zu einem gemeinsamen Ganzen.
Kapitel 1
Golem und die ersten Ideen der Maschine
In der Ferne schlägt die Kirchturmuhr Mitternacht. Ein fahles Mondlicht liegt über der Moldau, lässt den Nebel schimmern und zeichnet blasse Konturen ans Ufer. Drei Männer stehen dort, reglos in der Dunkelheit. Der Atem dampft. Mit klammen Händen schöpfen sie Lehm aus einer Grube und beginnen zu formen. Modergeruch liegt in der Luft, schwer und süß. Der Ton klebt an ihren Fingern.
Wortlos kneten Rabbi Löw, der angesehene Gelehrte der jüdischen Gemeinde, sein Schüler und sein Diener die Masse, bis sich eine Gestalt abzeichnet, die bald größer ist als sie selbst. Rabbi Löw erhebt sich, die Hände gefaltet, den Blick versenkt. Dann weist er Diener und Schüler an, die Lehmfigur sieben Mal zu umschreiten, während er die Arme hebt und beginnt, uralte Worte, Zahlen, Silben, zu sprechen, die im Nebel hängen bleiben. Sein Gemurmel wird lauter, die Worte drängen sich, bis der letzte Laut im Nebel zerfällt. Ein Moment. Nichts als das Rauschen der Moldau.
Ein Zittern geht durch den Körper aus Lehm. Der Kopf hebt sich, die Brust dehnt sich, als wollte sie atmen. Da steht er – der Golem, stumm und reglos. Er ist bereit.
Er gehorcht, ohne zu fragen. Wenn der Rabbi ihn ruft, legt er ihm ein beschriebenes Pergament in den Mund, hängt ihm ein Amulett aus Hirschhaut um den Hals — und der Golem setzt sich in Bewegung, körperlich stärker als jeder Mensch, aber ohne Seele, ohne freien Willen. Unsichtbar für andere schützt er die Gemeinde vor Gefahr.
Jahrhunderte später kehrt dieser Traum zurück und mit ihm dieselbe Angst. Diesmal nicht mehr in Form von Magie, sondern in mathematischen Modellen.
Der amerikanische Mathematiker Norbert Wiener sieht im Golem mehr als eine Legende. Für ihn ist er ein früher Vorläufer kybernetischer Maschinen – Systeme, die auf ihre Umwelt eingehen, die sich selbst steuern, lernen, auf Rückmeldung antworten. Kommunikation und Kontrolle als geschlossener Kreislauf. Er hätte wohl gesagt: Der Golem war die erste Maschine, die lernte, ohne zu verstehen.
Doch Rabbi Löw hatte geahnt, was geschieht, wenn ein Geschöpf stärker wird als sein Schöpfer. Als der Frieden zurückkehrte, sprach er die Formeln in umgekehrter Reihenfolge wie er sie einst gesprochen hatte. Der Golem sank in sich zusammen und wurde wieder, was er gewesen war: Lehm am Ufer der Moldau.
Ein Jahrhundert später, weit entfernt von der Moldau, sitzt in einem Keller in der Schweiz ein magerer Mann mit weißen Haaren. Kerzen flackern, Glas schimmert. Die Luft riecht nach Schwefel und feuchtem Holz. Der Mann heißt Theophrastus Bombast von Hohenheim, besser bekannt als Paracelsus. Er nannte sich Arzt und Alchemist.
Er glaubt, die Natur spreche eine Sprache, die sich entziffern lasse, wenn man nur genau genug hinsehe. In der Schrift De natura rerum von 1537 oder 1538, die Paracelsus zugeschrieben wird, gibt er eine Anleitung, die ihm Ruhm und Spott zugleich einbringt: ein Plan zur Erschaffung eines Homunkulus – eines kleinen, künstlichen Menschleins.
In seinem Labor notiert Paracelsus eine seltsame Anleitung — präzise, als wäre Schöpfung eine Frage der richtigen Zutaten. Menschliche Samen, schreibt er, müssten vierzig Tage lang in einem Gefäß aus Glas liegen, eingebettet in Pferdemist, warm und feucht, bis sich etwas rege, „einem Menschen gleich, doch durchsichtig“. Am Ende würde ein Kind entstehen …
Autoren-Infos
Name:
Barbara Hardy
Autorenvita:
Barbara Hardy ist Diplom-Biologin mit Schwerpunkt in Biophysik, Biochemie und Informatik. In einem Verlag ist sie journalistisch ausgebildet worden – ein Wissen, das heute in ihre Bücher einfließt. Viele Jahre stand ihre Familie im Mittelpunkt: vier Kinder, die sie mit ganzer Kraft begleitete. Nebenbei lernte sie Französisch, dann Englisch – bis zur staatlich geprüften Übersetzerin. Seit 2024 beschäftigt sie sich als freie Autorin mit wissenschaftlichen und technischen Themen, insbesondere mit den gesellschaftlichen Auswirkungen von KI-Technologien und der Geschichte des maschinellen Denkens. Ihr Ziel ist es, komplexe technische Entwicklungen verständlich und menschlich erfahrbar zu machen. „Von Golem bis ENIAC“ ist ihr erstes Buch. Sie lebt in Oberhausen.
Webseite:
www.barbara-hardy.de
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Kurzlink zur Buchvorstellung: https://buecherversum.de/9fo1
