Begegnungen: in 11 Geschichten & einer Zeitungsnotiz von Dietmar K. Nickel

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„Begegnungen in 11 Geschichten und einer Zeitungsnotiz“ erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der im Nachkriegsdeutschland der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts heranwächst und mit den widerstreitenden Strömungen dieser Zeit konfrontiert wird – und daran scheitert.
Die Erinnerungen an den Krieg prägen die Geschichte seiner Familie. Hinzu kommt das Universitätsleben, das von ausklingendem nationalsozialistischem Gedankengut und einem schüchtern anmutenden Neuanfang beeinflusst wird. Persönliche Enttäuschungen im zwischenmenschlichen Bereich lassen schließlich nur einen Schluss zu.

Begegnungen von Dietmar K. Nickel

Buchdetails

Buchkategorie/Genre: Romane & Erzählungen

Erschienen bei: Verlagshaus Schlosser

Gebundene Ausgabe

ISBN: 978-3-7581-0335-3
Seitenzahl: 92
Erscheinungsdatum: 24.07.2026
Preis: 19,90 EUR

E-Book

ISBN: 978-3758163951
Erscheinungsdatum: 24.07.2026
Preis: 9,99 EUR

Leseprobe

Eröffnung
21. November

Der Weg, den ich ging, ist abgenützt, abgetreten, zerhackt, gefurcht unter den Stiefeln der Arbeiter, den Modeschuhen der Angestellten und den trippelnden Hacken der Nutten. Geschunden von den Pneus der Lastwagen, gedemütigt durch das vornehme Gleiten der Limousinen und Kabrioletts, der Vier- und Sechszylinder, der Sport- und Kleinwagen. Nichts ist da als der gebogene, verlotterte, geflickte und wieder verlotterte Asphalt, vom Schatten der Häuser in ein gruselndes Blauschwarz getaucht, wie das verwunschener Bergseen, deren uferbildende Tannenbestände den schaudernden Betrachtern versunkene Sagen verendeter Geschlechter zuflüstern.
Ich ging die Straße entlang, eine Straße, die ins Unendliche zu führen scheint, eine Straße Utrillos. Sie ist weder typisch für diese Stadt noch sehenswert. Sie gleicht tausend ähnlichen Straßen in ähnlichen Städten, in ähnlichen Ländern. Ihre Häuser sind überall aneinandergedrängt, in sich verzahnt, geschachtelt. Engbrüstige, hochaufgeschossene Mietskasernen zwängen sich schüchtern zwischen behäbige Bürgerpaläste, denen der Zahn der Zeit Läden mit Tomaten, Aspirin und Schweinsinnereien in ihre klassizistischen Bäuche gerissen hat. Dahinter drängeln sich Seiten- und Hinterhäuser wie eine Schar neugieriger Marktweiber, nur darauf bedacht, ja nichts zu versäumen von den Bildern und Gestalten, den Geschichten und Geschicken, die diese Straße streifen.
Grau ist die Farbe dieser Häuser. Nicht das Schneegrau utrilloscher Montmartre-Gassen, nicht das Graubraun erdverwurzelter Hütten und Kirchen, nicht das nervöse Grau manieristischer gotischer Kathedralen umhüllt schützend diese Verliese menschlicher Sehnsüchte, Freuden und Leiden, Lachen und Seufzer – sondern das gleichgültige Grau der Langeweile, der Trägheit, getönt vom Schwarzgrau der Verzweiflung und dem warmen Blaugrau der Hoffnung, getaucht in adriatischer Farbigkeit menschlicher Schicksale. Und alles wird überhöht und geschlossen vom föhnigen Blauweiß des herbstlichen Himmels.
Einer jener Bauten nahm mich auf – oder verschluckte er mich wie der Wal das Plankton? Gesiebt und gefiltert wie durch Barten trennte mich das Eichenholz der Haustür mit den messingenen Knöpfen von den Augen der Straße. Ich schien gestoßen zu sein in die rötlichschwarze Vorhölle dantesker Apokalypse. Flirtende Westfenster schickten die rostigen Strahlen des gleitenden Tages in den breitgelagerten Raum des Treppenaufgangs. Brechend erzeugten sie Bilder bröckelnder Wappen und stuckverziertem Heroismus auf den vorüberhuschenden Wänden. Ihr Licht verlor sich im dunklen Gebälk der aufwärtsstrebenden Treppe. Oder schlug es zurück im braunen Geruch schulhausmeisterlicher Reinheit? Die Stufen trugen mich hinauf in den ersten Stock mit den gleichförmigen Emailleschildern an den Türen. Namen und Zahlen – die achte Plage der Menschheit! Endlich, im sechsten Anlauf der dritten Kurve, entließ mich die Treppe.
Ich hatte die Wohnung erreicht, der ich nun angehören sollte, ein, zwei Semester lang… Wie lange würde ich es wohl hier aushalten? Die Visitenkarte mit den stolzen, schwarz hervortretenden Namensinitialen „Roland Wls“ und dem zwar dünner gezeichneten, jedoch nichtsdestoweniger imponierenden „stud. jur.“ zitterte noch vor neugieriger Erregung in ihrer unschuldsvollen, druckfrischen Erscheinung über dem urbayerischen, in breiten Lettern schwingenden Namen des Inhabers.
Die Tür meines Zimmers war nur angelehnt. Das hastige Schlürfen wissbegieriger Wirtsleute war kaum verklungen. Die Bude – liebevoll schnoddriger Ausdruck langer, schuhsohlenkostender Suche – lag vor mir, mehr lang als breit, mehr schmal als lang. Fünf Meter weit springt sie zum Hinterhoffenster vor, knapp drei Meter klaffen zwischen den Seitenwänden, die, vollgepackt mit den amputierten Veteranen dreier Möbelgenerationen, den Eintretenden gebieterisch in eine enge Gasse weisen. Ein Bett, drei Stühle und ein Tisch sind klar auszumachen, während der Schrank im Gewühl der Kommoden, Vitrinen, Aufsätze und Gesimse und zwischen Aktgemälden höflich lächelnder Kurtisanen einer beseligend bürgerlichen Malepoche zu verschwinden droht. Ein Perserteppich großdeutscher Qualitätsarbeit – von der ängstlichen Wirtin als neuwertig und daher schonungsbedürftig gepriesen und vom glücklich Behausten mit verschüchtertem Respekt getreten – bedeckt den blanken Boden.
Und hier sitze ich, am Tisch vor dem Fenster, beschattet vom hölzernen Stützpfosten und gespiegelt in den geöffneten Scheiben von den letzten Zuckungen des verbrauchten Tages. Ich will ein Tagebuch schreiben, beflügelt von neuerworbener Studentenfreiheit. Ein Epigramm Schillers schloss den Schulweg ein, ein sanfter, verbürgerlichter, schulischer Schiller, angenehm für das Ohr der Erzieher. Es sollte uns in die gerührte und ersehnte Freiheit entlassen. Wir wurden entlassen, um „mit vollen Segeln in den Ozean des Lebens zu gleiten.“

Über den Autor

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Dietmar K. Nickel

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Dietmar Nickel

Dietmar K. Nickel, Dr. phil., wurde 1937 in Breslau geboren. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften, Philosophie, Geschichte und Politikwissenschaft war er über drei Jahrzehnte in leitender Funktion bei der Max-Planck-Gesellschaft tätig. Dort prägte er maßgeblich den Aufbau internationaler wissenschaftlicher Kooperationen, insbesondere mit Israel, China und Europa. Für seine Verdienste erhielt er mehrere nationale und internationale Auszeichnungen. Als Historiker und Autor veröffentlichte er zahlreiche Werke zur Zeitgeschichte sowie zur internationalen Wissenschaftspolitik. Mit diesem Buch wendet er sich erstmals seiner eigenen Lebensgeschichte zu. Offen und ohne Beschönigung schildert er eine von betroffen machenden Wahrnehmungen und Verletzungen geprägte Jugendzeit im frühen Nachkriegsdeutschland.

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